Vorhaben

Durch die Erstellung und modellhafte Implementierung eines Advanced Care Planning-Konzepts (ACP) am Paul-Gerhardt-Werk (PGW) mit seinen Einrichtungen in Offenburg soll ein Modell und Beispiel für eine patientenzentrierte Begleitung von Menschen in der letzten Lebensphase entwickelt werden. Es werden exemplarisch funktionierende Strukturen und Prozesse geschaffen, die auf andere Pflegeheime und ambulante Dienste übertragbar sind. Unnötige Krankenhauseinweisungen am Lebensende sollen vermieden werden. Den betroffenen Menschen soll die Sicherheit gegeben werden, dass auch am Ende des Lebens Nichts gegen ihren Willen geschieht und Krisen bzw. der Sterbeprozess in ihrem Sinne so würdig wie möglich gestaltet werden. ACP richtet sich hierbei sowohl an den Betroffenen selbst, als auch an dessen Angehörige, Betreuer und Fachkräfte. ACP verfolgt das Ziel, mögliche künftige Behandlungsentscheidungen für den Fall, dass die Betroffenen selbst nicht entscheiden können, zu verstehen, zu überdenken, zu erörtern und vorauszuplanen.

Bedarf
30% aller pflegebedürftigen Menschen die zumeist multimorbide und hochaltrig sind lebten 2013 in Pflegeheimen. In der letzten Lebensphase eines Menschen ist es wichtig, eine realistische Einschätzung zu dessen Wünschen an die Gestaltung und den Verlauf dieser Zeit zu erfahren. Studienergebnisse zeigen, dass nur ca. 12 % aller Bewohner von Senioreneinrichtungen im Besitz einer Patientenverfügung sind, die die selbstbestimmte Gestaltung von Behandlung und Begleitung bei Eintritt einer Einwilligungsunfähigkeit ermöglichen soll. Oftmals liegen Patientenverfügungen zwar vor, jedoch ist nicht immer garantiert, dass der tatsächliche Patientenwille z.B. aufgrund widersprüchlicher Aussagen, auch umgesetzt werden kann.
Situation der Patienten
Geschuldet der Tatsache, dass zumeist keine dokumentierten Daten über den Patientenwillen bestehen, wird in der Regel immer eine Entscheidung für das Leben getroffen, d.h. es kommt immer wieder zu Krankenhauseinweisungen sterbender Patienten, die dann im Krankenhaus alleine versterben. Oftmals handelt es sich hierbei um Patienten, die schon über 20 Jahre im Pflegeheim leben. Für sie heißt es dann, dass sie an einem fremden Ort sterben müssen oder sich in der akuten Sterbephase im Krankentransport befinden. Durch ACP könnte ein würdevolles Sterben „Zuhause“ (in diesem Fall im Pflegeheim) ermöglicht werden
Situation der Angehörigen
Angehörige von pflegebedürftigen Heimbewohnern, die in der Regel auch die Bevollmächtigten bzw. gesetzlichen Betreuer ihrer Angehörigen sind, kommen oftmals in die Situation im akuten Notfall Entscheidungen ad-hoc treffen zu müssen, Entscheidungen über deren Tragweite sie in der Regel nicht informiert sind. Es handelt sich in solchen Fällen beispielsweise um den nächtlichen Anruf der Nachtschwester Zuhause, die den Angehörigen mit der Frage konfrontiert, ob der Angehörige noch mal ins Krankenhaus verlegt werden soll oder nicht. Auch für Angehörige ist ACP somit eine Chance frühzeitig und in aller Ruhe festzulegen was gewünscht wird und was nicht.
Situation gesetzlicher Betreuer (Berufsbetreuer/ehrenamtliche Betreuer)
Auch gesetzliche Betreuer kommen analog zu den Angehörigen immer wieder in die Situation, Entscheidungen in Bezug auf die Versorgung ihrer Betreuten im Notfall treffen zu müssen. Sie kennen jedoch in der Regel den Betreuten nicht gut, schon gar nicht deren mutmaßlichen Willen im Kontext einer vorausschauenden Vorsorgeplanung.
Situation der Ärzte und Pflegenden
Das Einhalten gesetzlicher Vorschriften ist für ein Heim von existenzieller Bedeutung. Da im medizinisch-pflegerischen Bereich in der Wahrnehmung vieler Heimbewohner und Mitarbeiter Unterlassen eher geahndet wird als Tun, ist man im Zweifelsfall, zum Beispiel mit der Anregung einer Krankenhauseinweisung, auf der vermeintlich sichereren Seite als mit beobachtendem Abwarten. Professionell Pflegende im Pflegeheim befinden sich somit grundsätzlich im Spannungsfeld zwischen den Bedürfnissen des Bewohners, den Wünschen der Angehörigen, dem eigenen Bedürfnis nach rechtlicher Absicherung und der eigenen Vorstellung darüber was gut für den Bewohner ist und was nicht. In der Realität widersprechen bzw. schließen sich diese unterschiedlichen Wünsche und Bedürfnisse leider viel zu oft gegenseitig aus.

Ziele
ACP ist grundsätzlich ein andauernder Kommunikationsprozess zwischen Menschen bzw. Patienten, ihren gesetzlichen Vertretern sowie ihren Behandelnden und Betreuenden, mit dem Ziel:

  • Eine patientenzentrierte Behandlung wird in den Mittelpunkt des Denkens und Handelns gestellt, wobei Werte, Grundhaltungen, Ziele des Patienten zu ermitteln, artikulieren und reflektieren und.
  • Eine qualifizierte Gesprächsbegleitung durch Pflegefachkräfte wird etabliert, um sensibel und professionell auf Äußerungen zum Patientenwillen reagieren zu können.
  • Das Gesprächsangebot wird allen Bewohnerinnen und Bewohnern der stationären Einrichtungen und den Kunden des ambulanten Dienstes der Diakonie Sozialstation angeboten.
  • Mögliche künftige Behandlungsentscheidungen sollen für den Fall, dass die Betroffenen selbst nicht entscheiden können, verstanden, überdacht, erörtert und vorausgeplant werden.
  • Da sich die Behandlungswünsche im Laufe des Lebens ändern können, soll die vorausschauende Versorgungsplanung als dynamischer und fortwährender Prozess und nicht als einmalige Handlung verstanden und etabliert werden.
  • Für den Patienten soll die Ermöglichung von Wünschen am Lebensende (Autonomie, Würde, Sterben am gewünschten Ort) sichergestellt werden.
  • Die Kommunikation mit Patienten/Bewohnern aber auch im Team und mit Angehörigen, Betreuern zur Vermeidung bzw. Reduktion unnötiger und nicht-indizierter Klinikeinweisungen (weniger Drehtüreffekte) soll verbessert werden.
  • Eine effizientere interdisziplinäre Zusammenarbeit (Netzwerk, Kooperation) sowie Unterstützung in der Entscheidungsfindung für professionelle Versorger soll gewährleistet werden.

Projektträger
Paul-Gerhardt-Werk e.V., Louis-Pasteur-Str. 12, 77654 Offenburg
www.paul-gerhardt-werk-offenburg.de